Donnerstag, 27. Juni 2013

-

"Liebe Tierorakelveranstalter! Ich hoffe, ihr sterbt an Krebs. Eure Kinder auch. Heute noch. Tschüs, euer Zopf"

"Der dicke Juri (6), der im Kindergarten immer meine Nichte (3) schlägt, ist mir heute so was von in den Ellbogen gelaufen. Tschuldigung Juri"

"Eine alte Dame über die Straße geleiten, um sie dann auf der anderen Seite zu verprügeln und auszurauben. Ich liebe Überraschungseffekte."

"Liebe weibliche Untermenschen, die Kaugummi mit offenem Mund kauen: Geht sterben. Bitte."


Sie sahen: 4 Tweets, die mir die Galle haben hochkommen lassen. Aber sie sind ja alle witzig gemeint. 4 Tweets, die so fragwürdige Werte mittels fragwürdigen Ausdrucks vermitteln, dass man nicht lange auf einen Shitstorm hätte warten müssen, wären sie von "Nonames" geschrieben worden. Diese Tweets stammen jedoch allesamt von Eurer tollen Elite, von Leuten mit mehreren tausend Followern, und wurden vielfach besternt. 4 Tweets, die ich in meiner Timeline einfach nicht haben will, aber auf einen dieser Tweets hin zu entfolgen ist ja "jetzt echt etwas albern".
Ihr nennt mich humorlos? Ich nenne Euch humorlos. Provokation schön und gut, Satire super, aber jemandem (im Spaß, hihihi) Krebs an den Hals und den Tod zu wünschen und Gewalt (gegen Omas und dicke Kinder, trololo) zu verherrlichen steht für mich auf einer Stufe mit Sexismus, Rassismus und Äußerungen gegen Behinderung. Und dass Ihr in solchen Triggerthemen eigentlich gar keinen Spaß versteht, im Gegenteil, sehr bereitwillig zu völlig unverhältnismäßigen Sanktionen greift (https://twitter.com/nutellagangbang/status/348900177924472834), habt Ihr ja eindrucksvoll bewiesen. Ich will diesen Holoklausspacken weder in Schutz nehmen noch seine Entgleisungen mit den eben angeführten auf eine Ebene stellen, aber so krass weit ist der dort oben propagierte Menschenhass nicht entfernt vom Gedankengut des kürzlich shitgestormten. Ich bin sicherlich nicht der erste, der in Sachen Umgangsformen bei Twitter die Doppelmoralkeule rausholt, aber vielleicht ist es einfach mal wieder Zeit, für das Thema zu sensibilisieren. Ich zumindest habe hier in den letzten Tagen komplett die Lust verloren, mich an unserem kuscheligen Medium zu beteiligen. Seid mal netter.
-

Freitag, 19. April 2013

Wie Twitter Einfluss nehmen kann: Von Terroristen und Verdächtigen

Zuerst fiel es mir bei GMX.de auf: Die per Überwachungskameras ermittelten Verdächtigen des Bombenanschlags von Boston wurden dort als feststehende "Täter" bezeichnet, ohne dass es stichhaltige Beweise, geschweige denn Geständnisse gab. Als ich diese Schlagzeile etwas später nicht mehr wiederfand, schaute ich einfach bei jenem Kandidaten nach, dem ich diese unreflektierte Art der Berichterstattung am ehesten zutraute; BILD.de. Prompt wurde ich fündig und machte meinem Unmut Luft - zugegebenermaßen in ungewohnt infantil-polemischer Ausdrucksweise, aber ich bin heute irgendwie gereizt und sowieso, leckt mich doch.
Nach zusätzlicher Diskussion mit @germanpsycho meldete sich der "Head of Social Media zu Wort, der seine Kollegen auf diesen "Fehler" hingewiesen habe. Und tatsächlich, im Laufe des Abends wurde aus dem "Terroristen" ein "Verdächtiger":

Dabei sind zwei Dinge besonders bemerkenswert.

Erstens: Ich wollte nur Stunk machen. Dass der Tweet tatsächlich etwas bewirken könne, hatte in meiner Vorstellung keinen Platz. Es scheint also, dass die deutsche Medienlandschaft mittlerweile begriffen hat, dass Twitter ein bedeutendes Forum des öffentlichen Meinungsklimas geworden ist. Entsprechende Retweets und Favs trugen zur Gewichtung meiner Kritik bei.

Zweitens: Eben weil ich keine Konsequenzen erwartete, war ich nicht sachlich, sondern polemisch offensiv in meiner Wortwahl. Dass solch ein Trolltweet dennoch vom Empfänger in solchem Maße ernst genommen wird, habe ich selten erlebt. An dieser Stelle möchte ich um Verzeihung für die Ausdrucksweise bitten und meinen Hut vor Herrn Torsten Beeck ziehen.

P.S.: Dennoch soll das keine Lobrede werden. Klickt man sich weiter zum "Artikel", beginnt dieser mit dem Satz: "Einer der gesuchten Terroristen ist tot." Aber was soll's - der geneigte Bild.de-Ansurfer liest ja eh nur die Schlagzeilen auf der Startseite.

Dienstag, 16. April 2013

Über Bomben, Ethik und Krankenschwestern


Es ist immer dasselbe. Attentate sind fürchterlich, das bezweifelt niemand. Doch offenbar scheint keine Reaktion die richtige im Meinungsklima der vernetzten Öffentlichkeit zu sein. Bei ehrlichen Bekundungen des Mitgefühls sind sofort die Moraltrolle auf dem Posten, das aktuelle Ereignis der ersten Welt mithilfe der alltäglichen Missstände in einschlägigen Krisengebieten zu relativieren. Eine Diskussion á la "Meine Moral ist aber viel besser als Deine!" wird entfacht, die nur selten zielführend ist und in den meisten Fällen in persönlichen Anfeindungen und - bei Twitter - Entfolgungen endet.

Die Frage ist doch: Was will der Moraltroll erreichen?

Will er überflüssigerweise auf die schiefen Schwerpunkte medialer Berichterstattung hinweisen, die im Grunde jedem bewusst sind? Will er seine ethischen Ideale über die Anderer stellen? Will er das aktuelle Ereignis tatsächlich als irrelevant abwerten (und damit seine ach so edle Ethik ad absurdum führen)? Es kann mir niemand erzählen, dass er tagtäglich aufgrund des Terrors in Krisenländern um den Schlaf gebracht wird und deshalb nur müde über so ein Attentat wie dem aktuellen Boston Marathon Bombing lächeln kann.

Kann man Ethik relativieren?

Es ist immer dasselbe. Wenn ein großer Fußballtransfer durch die Medien geht, ist plötzlich auch wieder jeder Mitglied im "Solidarität für geringverdienende Krankenschwestern e.V.". Doch genau so wenig, wie man Gehälter und Leistung von Berufen bspw. im öffentlichen Dienst und im Medienbusiness vergleichen kann, lässt sich doch Betroffenheit aufgrund schrecklicher Gewalt gegeneinander aufwiegen. Hört auf mit diesem ethischen Schwanzvergleich.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der letzte Mensch



"Wer bin ich?", fragte er sich, doch ihm wurde sofort klar, dass diese Frage keinen Sinn ergab, denn er war der letzte Mensch der Welt. Und das wusste er. Es war das letzte, was er wusste. Wissen gab es danach nicht mehr. Seine Sprache verblasste, verkam zur Erinnerung. Er vergaß die Freude und verlernte den Schmerz. Er vergaß die Liebe und verlernte den Hass. Er vergaß alles und damit sich selbst. Er hatte Verantwortung für niemanden, aber für alles. Denn er war die Welt und er war die Zeit. Und als der letzte Mensch zu Nichts wurde, hatte die Welt keine Zeit mehr.

Montag, 26. März 2012

Heute vor genau fünf Jahren klingelte das Telefon.
„Papa ist gestorben.“
Mir fiel nichts besseres ein als „Wirklich?“. Natürlich wusste ich, dass meine Mutter keine Witze macht. Natürlich wusste ich, dass diese Nachricht jeden Tag kommen könnte. Aber selbst die jahrelange Gewissheit der Diagnose, der rapide Abfall seines Zustands vor allem in den letzten beiden Jahren, die ewige Auseinandersetzung mit dem Thema ließ diesen Moment doch erschreckend surreal wirken.
„Wirklich?“
Die Sonne schien, genau wie heute. Doch meine Welt wurde schwarz.
Ich konnte mir keine Vorwürfe machen. Es war alles gesagt. Wir haben uns voneinander verabschiedet. Meine ganze Jugend lang.
Genau genommen habe ich mit ihm nie über seine Krankheit, seinen Tod gesprochen. Dafür sind, dafür waren wir beide nicht der Typ. Was nicht heißt, dass man sich etwas vorgemacht hätte. Ich saß oft stundenlang an seinem Bett, ganz unverbindlich haben wir uns über die Welt unterhalten. Ganz unverbindlich hat er sie mir erklärt. Wie das ein Vater nun mal tut, ob er im Sterben liegt oder nicht. Ganz unverbindlich habe ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe, bis bald. Wie das ein Sohn nun mal tut.
Wie schrecklich muss ein plötzlicher Tod sein, wenn ich selbst schon an Diesem zerbrochen bin.
Aber man kann den Tod in seiner Endgültigkeit nicht relativieren. Er ist immer scheiße. So scheiße, dass einem die meiste andere Scheiße, die einem widerfährt, ziemlich egal vorkommt. Das ist vielleicht das einzige, was er bringt. Alles andere nimmt er.
-

Donnerstag, 9. Februar 2012

Hi, na?

"Hi, na?"
"Hallo. Diente das 'na?' jetzt als floskelhafter Lückenfüller für das Loch nach der Begrüßung ohne weitere Intention oder willst du die Verantwortung über den weiteren Gesprächsverlauf an mich abgeben, indem du mir mit dem 'na?' eine antworterzwingende Pseudofrage stellst? Na?"