Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der letzte Mensch



"Wer bin ich?", fragte er sich, doch ihm wurde sofort klar, dass diese Frage keinen Sinn ergab, denn er war der letzte Mensch der Welt. Und das wusste er. Es war das letzte, was er wusste. Wissen gab es danach nicht mehr. Seine Sprache verblasste, verkam zur Erinnerung. Er vergaß die Freude und verlernte den Schmerz. Er vergaß die Liebe und verlernte den Hass. Er vergaß alles und damit sich selbst. Er hatte Verantwortung für niemanden, aber für alles. Denn er war die Welt und er war die Zeit. Und als der letzte Mensch zu Nichts wurde, hatte die Welt keine Zeit mehr.

Montag, 26. März 2012

Heute vor genau fünf Jahren klingelte das Telefon.
„Papa ist gestorben.“
Mir fiel nichts besseres ein als „Wirklich?“. Natürlich wusste ich, dass meine Mutter keine Witze macht. Natürlich wusste ich, dass diese Nachricht jeden Tag kommen könnte. Aber selbst die jahrelange Gewissheit der Diagnose, der rapide Abfall seines Zustands vor allem in den letzten beiden Jahren, die ewige Auseinandersetzung mit dem Thema ließ diesen Moment doch erschreckend surreal wirken.
„Wirklich?“
Die Sonne schien, genau wie heute. Doch meine Welt wurde schwarz.
Ich konnte mir keine Vorwürfe machen. Es war alles gesagt. Wir haben uns voneinander verabschiedet. Meine ganze Jugend lang.
Genau genommen habe ich mit ihm nie über seine Krankheit, seinen Tod gesprochen. Dafür sind, dafür waren wir beide nicht der Typ. Was nicht heißt, dass man sich etwas vorgemacht hätte. Ich saß oft stundenlang an seinem Bett, ganz unverbindlich haben wir uns über die Welt unterhalten. Ganz unverbindlich hat er sie mir erklärt. Wie das ein Vater nun mal tut, ob er im Sterben liegt oder nicht. Ganz unverbindlich habe ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe, bis bald. Wie das ein Sohn nun mal tut.
Wie schrecklich muss ein plötzlicher Tod sein, wenn ich selbst schon an Diesem zerbrochen bin.
Aber man kann den Tod in seiner Endgültigkeit nicht relativieren. Er ist immer scheiße. So scheiße, dass einem die meiste andere Scheiße, die einem widerfährt, ziemlich egal vorkommt. Das ist vielleicht das einzige, was er bringt. Alles andere nimmt er.
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Donnerstag, 9. Februar 2012

Hi, na?

"Hi, na?"
"Hallo. Diente das 'na?' jetzt als floskelhafter Lückenfüller für das Loch nach der Begrüßung ohne weitere Intention oder willst du die Verantwortung über den weiteren Gesprächsverlauf an mich abgeben, indem du mir mit dem 'na?' eine antworterzwingende Pseudofrage stellst? Na?"

Mittwoch, 16. November 2011

Oh mein fickender Gott!

Dieser Tweet und das darauffolgende Feedback machten mich auf ein interessantes Phänomen aufmerksam. Neben den unzähligen üblichen Anglizismen, die sich zunehmend in unseren Sprachgebrauch eingeschleust haben, gibt es außerdem noch die so genannten "versteckten" Anglizismen. Der Tweet selbst ist als einer anzusehen: Eins zu eins ins Deutsche übersetzte englische Äußerungen, die es auf Deutsch überhaupt nicht gibt.

Die prominentesten Vertreter:
"macht Sinn"
"in 2011"
"da bin ich ganz bei dir" (Siehe @batteur's Antwort)
"etwas erinnern" (Uuah, ganz furchtbar! Danke @grindcrank)
"etwas realisieren"
"nicht wirklich"
uvm.

Da rollen sich mir die Fußnägel hoch.

Oder mit 's Worten:

Sonntag, 13. November 2011

"Das muss ich twittern!"

Keine Gedankengänge mehr, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, wie das in 140 Zeichen passt.
Oh - wäre das ein guter Tweet?

Keine Unterhaltungen mehr, ohne im Hinterkopf Gesagtes auf seinen Tweetwert zu überprüfen.
Oh - das wäre ein guter Tweet! 

Keine Witze, keine Wortspiele mehr hören, ohne sie danach erst mal zu googeln.
Oh - ist das vielleicht schon ein Tweet?


Diese Plattform verändert einen. Und zwar in der tiefgreifendsten Form: Sie verändert das Denken. Ob ich das jetzt anprangere? Ich weiß es nicht. Ich stelle es einfach nur mal fest. Und finde es ein kleines Bisschen furchteinflößend.